Jedes Mal, wenn man einen Artikel über die Anwerbung von wissenschaftlichem Nachwuchs liest, fallen einem immer die gleichen Kommentare darunter auf. Zusammengefasst steht da etwa, dass es einen Fachkräftemangel nicht gibt und dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland für den wissenschaftlichen Nachwuchs extrem schlecht sind.

So auch heute, in einem Artikel auf Spiegel Online. In diesem wird darüber berichtet, wie der Bund in San Franzisko zum lustigen Stelldichein einlädt und auf die rosigen Perspektiven in Deutschland hinweist.

Lasst uns stellvertredend zwei Kommentare anschauen:

"nalakia" meint, ziemlich enttäuscht:

Welches Deutschland meint dieser Artikel? Wir sind ein Akademikerpaar, das vor anderthalb Jahren ins Ausland gegangen ist, weil mein Mann - promovierter Physiker - anderthalb Jahre vergeblich eine Stelle gesucht hat. Was bietet Deutschland? Wenn ueberhaupt, dann befristete Stellen (Fachkräftemangel? Ha ha!), keinerlei Vereinbarkeit von Familie und Beruf, keine Möglichkeiten fuer Männer, sich von der Rolle als Brötchenverdiener hin zum Familienmitglied zu emanzipieren, nichts als Vorwuerfe an Frauen, die berufstätig sein wollen, keine Kinderbetreuung. Wer wundert sich denn da, dass Dl. fuer gut ausgebildete Menschen nicht attraktiv ist?

Ein weiterer verbitterter Kommentar kommt von "medizinmann_1":

Leute, bleibt bloss wo ihr seid! Ich bin vor geraumer Zeit aus England zurück nach D gekommen, angelockt von den hiesigen Super-Forschungsstipendien. 11 Jahre später sind alle befristeten Stellen ausgelaufen, inklusive einer zeitlich befristeten Professur (dank der Exzellenzinitiative ist auch so etwas möglich). So, jetzt heisst es Wissenschaft ade, aber wer will einen noch in der Industrie mit 45 Jahren? Fazit: nicht zurücklocken lassen ausser auf eine unbefristete Stelle!

Hier werden verschiedene Probleme angesprochen: - keine unbefristeten Stellen - Kinderbetreuung nur auf dem Papier - anschließend schwieriger Einstieg in die Arbeitswelt

Dies sind alles valide Punkte, die behoben werden könnten. Zum einen müsste ein Mittelbau geschaffen werden mit unbefristeten Stellen. Das könnten z.B. Assistenzstellen sein, so wie es früher bei uns üblich war und in anderen Ländern üblich ist. Zu den Problemen mit der Kinderbetreuung: In unserem Land nimmt die Arbeit eine immense Stellung und hat einen ganzheitlichen Anspruch hat. Das ist unsere Kultur und wir fahren als Gesellschaft nicht schlecht damit. Nur impliziert eine solche Kultur auch, dass man auf reibungslose(!) Hilfe bei der Betreuung der Kinder hoffen kann. Beim besseren Einstieg in die Arbeitswelt wäre es sicher auch nicht schlecht, eben jene reale Arbeitswelt mehr in Berührung zu bringen mit Studium und Forschung. Ein damit verbundenes Problem ist, dass viele Studenten ohne wirklichen Ausblick auf Ihre Möglichgkeiten abschließen und reflexartig in die Forschung gehen.

Existiert ein Mangel an wissenschaftlichem Nachwuchs?

Anhand der existierenden Probleme muss gefragt werden: gibt es einen wissenschaftlichen Fachräftemangel, also Mangel an Wissenschaftlichem Nachwuchs?

Betrachtet man das Forschungssystem, wie es gerade in Deutschland existiert, stellt man fest, dass es verdammt viele Nachwuchswissenschaftler auf eine der begehrten unbefristeten Stellen gibt. Dies hat einen Grund: die unbefristeten wissenschaftlichen Stellen bestehen in Deutschland zum allergrößten Teil aus den Professuren. Wir können dies an der Stelle einmal abschätzen: Sagen wir, ein Professor arbeitet 30 Jahre. Eine durchschnittliche Arbeitsgruppe besteht vielleicht aus 5 Doktoranden zu je 3 Jahren. So betreut der Professor in seiner Zeit etwa 50 Doktoranden. Geht man davon aus, dass eine Promotion der Einstieg in eine wissenschaftliche Laufbahn sein soll, so steht also einer festen Stelle etwa 50 Bewerber gegenüber.

Anhand solcher Zahlen muss man doch Fragen:

Haben wir nicht einen extremen Überschuss an wissenschaftlichem Nachwuchs?

Denn: Man kann nicht erwarten, dass es in einem realen System immer wesentlich mehr Angebot gibt als Nachfrage.

Der reale Fachkräftemangel

Es scheint, dass das hauptsächliche Problem ist, Wissenschaft und Berufe begrifflich zu vermengen. Natürlich haben wir als Gesellschaft einen Mangel an Fachkräften, siehe etwa einen aktuellen Zeit-Artikel. Dort steht

Inzwischen aber sind über achtzig Prozent der Deutschen überzeugt: In den kommenden Jahren werden Fachkräfte fehlen. und zwei Sätze weiter sehen wir auch gleich, in welchem Kontext dies gemeint ist: [...] erwarten die Befragten einen besonders dramatischen Mangel in der Altenpflege, im Gesundheitssektor, bei der Elektrotechnik und im Maschinenbau. Es geht hier um Berufe. Berufe mit fehlendem Personal, wie etwa auch Landärzte usw. Man sollte das nicht verwechseln mit wissenschaftlichen Stellen, den Professuren. Oder haben Sie schon einmal gehört, dass man auf eine Professur keinen Bewerber finden konnte?

Der User "forumgehts?" jedenfalls quittiert unter dem Spiegel-Online Artikel süffisant zu der Anwerbung von wissenschaftlichem Nachwuchs aus dem Ausland:

Wenn tatsächlich jemand auf diese "Werbung" hereinfällt, hat er/sie sich für den vorgeschlagenen Posten eigentlich wegen mangelnder Denkfähigkeit schon selbst disqualifiziert und dürfte diesen eigentlich gar nicht bekommen.